MIETER HELFEN MIETERN
Frankfurt e.V.

Frankfurter Rundschau, 12.06.2008, Claus-Jürgen Göpfert

Der Rastlose
Jürgen Lutz führt seit 22 Jahren den Frankfurter Verein "Mieter helfen Mietern"

Jürgen Lutz in seinem Büro
Foto: Rolf Oeser

Ein Tisch, zwei Stühle, ein Aktenschrank, ein Telefon, alles hoch oben unterm Dach in einer angeschrägten Kemenate: Karger kann ein Büro kaum ausfallen. Immer wieder springt Jürgen Lutz auf, schleppt Aktenordner an im Gespräch, blättert Seiten auf: "Bei mir wird noch alles in der alten Form archiviert." Darauf ist er stolz, seit 22 Jahren: 1986 hatte der gebürtige Fechenheimer "Mieter helfen Mietern" gegründet, den kämpferischsten Schutzverein von Stadt und Region.

Sein Lebenswerk: "Ich bin der Guru!", ruft er einmal voller Selbstironie. Aus kleinsten Anfängen wuchs die Organisation auf 3000 Mitglieder, jedes Jahr kommen 300 hinzu. Lutz lebt für diesen Kampf: "Ich ziehe meinen Lebenssaft aus der Arbeit!". Grau ist er geworden im Laufe der Jahre, der hagere Mann, grau, aber nicht resigniert. "Mein Lohn ist Öffentlichkeit."

Früher war er auch noch samstags und sonntags seinen Fällen auf der Spur: Half Familien, denen der Hausbesitzer in Abwesenheit die Wohnung hatte ausräumen lassen, kämpfte gegen Eigentümer, die schon mal mit Schlägern und Schäferhunden anrückten. "Räumungen berühren mich immer stark, wenn ganze Häuser entmietet werden, damit man sie abreißen lassen kann."

Und doch: Er hat gelernt, ein wenig loszulassen, nicht mehr "das ganze Wochenende dranzuhängen": Mittlerweile fährt der 54-jährige schon mal zu seiner Freundin nach Dortmund. Aber er glaubt noch immer: "Meine Arbeit könnte keiner machen." Fünf Anwälte und zwei Mitarbeiterinnen stehen ihm zur Seite - und die Bilanz des Vereins zeigt, wie hart in Frankfurt zwischen Mietern und Vermietern gekämpft wird: "Wir haben 2000 laufende Fälle, machen 3000 Beratungen im Jahr, führen 150 Gerichtsverfahren." Seit der Sohn eines Cassella-Arbeiters, der eigentlich Diplom-Pädagoge ist, den Verein gründete, ist das Mietrecht "immer unübersichtlicher" geworden: "Mietverträge sind sehr schwer zu lesen und zu verstehen, nur noch wenige Spezialisten blicken durch."

"Die große Mieter-Verdrängung" sei schon gelaufen in Frankfurt, bilanziert er: "In Sachsenhausen, Nordend, Bornheim, Bockenheim sind unzählige Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt." Heute halten ihn vor allem Konflikte "wegen des Lärms oder wegen der Betriebskosten" in Atem. Manchmal träumt er von den Jahren der Jugend, als er mit dem Faltboot "auf dem Main allein zwischen den großen Schiffen" unterwegs war. Oder auf dem zugefrorenen Ostpark-Weiher Schlittschuh lief. In einer Wohngemeinschaft von Studenten geriet er "an einen der schlimmsten Vermieter von Frankfurt: Wir haben uns mehrfach geschlagen - zum Schluss floss Blut!" So begann alles...

Eine Enttäuschung muss er noch loswerden: Die über die Grünen. Einst seien sie Partner gewesen im Kampf für die Mieter. "Heute wird da nur noch laviert", sagt Lutz. Aber er freut sich über kleine Gesten: Wenn er von Klienten "ne' Flasche Wein bekommt".