MIETER HELFEN MIETERN
Frankfurt e.V.

Frankfurter Rundschau, 12.07.2007, Jutta Ochs

Leitartikel
Behördenrückfall

Der Bürger ist mündig, gebildet, selbstbewusst - und hat meist eine Rechtsschutzversicherung. Die Zeiten, in denen der Einzelne hilflos zitterte vor der Macht und der möglichen Willkür von Ämtern und Behörden, ist lange vorbei. Denn auch die andere Seite hat ja dazugelernt. In Frankfurt hat sich die Stadtverwaltung seit rund zehn Jahren selbst verordnet, bürgerfreundlich zu sein.

Wir sind nun "Kunden" der Behörden, nicht mehr Bitt- oder Antragssteller und schon gar keine Verbrecher mehr wider die korrekte Formalität, wenn wir dann mal etwas falsch gemacht haben. Service ist in der Selbstdarstellung von Ämtern ein wichtiges Wort geworden. Das Einwohnermeldeamt heißt jetzt Bürgeramt und diverser Bürokratiekram ist an einem Ort zu erledigen, anstatt dass man uns an viele verschiedene Stellen schickt. Die Verwaltung als Partner also, so weit so gut.

Leider aber gibt es immer wieder schlimme Rückfälle in vergangene Zeiten. Dann fühlt sich der Bürger, der so lange friedlich vor sich hin lebte, anonymen Mächten ausgeliefert, er läuft durch ein Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse, unter der Drohung schrecklicher Strafen. Was dem Rentner-Ehepaar M. widerfahren ist, das passt ganz und gar nicht in die gerne gezeichnete, bürgerfreundliche Service-Welt. Aus heiterem Himmel ist, bildlich gesprochen, eine Bestie der Bürokratie über das Ehepaar gekommen, hat es am Nacken gepackt und nicht mehr los gelassen.

Es hat keine Schuld. Es hat lediglich vor langer Zeit einen Mietvertrag für eine Wohnung in einem Wohn- und Geschäftshaus in der Innenstadt unterschrieben, hat seine Miete gezahlt und sich darauf gefreut, "mitten in der Stadt, mitten im Leben" seinen Lebensabend zu verbringen. Bis eben eine Behörde nach 25 Jahren plötzlich feststellt, dass die Wohnung eigentlich ein Büro und die Brandschutzfluchtwege nicht ausreichend sind.

Von diesem Moment an hat für die beiden ein wahrer Terror begonnen. Neben Geldforderungen für Verwaltungsakte die stetige Drohung, man werde sie aus der Wohnung werfen und letztere versiegeln. Es ist in jedem Alter schlimm, sein Heim zu verlieren, mit zunehmendem Alter aber wird es schlimmer. Es ist noch schlimmer, förmlich aus dem Heim geworfen zu werden.

Die M.s sind aufgeklärte Bürger, sie haben sich gewehrt - schließlich aber nicht mehr genügend Kraft gehabt. Die Behörde, die Bauaufsicht, sagt nicht viel zu diesem Fall, sie verweist auf Vorschriften und Geheimhaltung. Das ist wirklich alles wie in den schlimmsten Zeiten der Behördenanmaßung. Ganz naiv muss man da entgegenhalten: So kann man mit Menschen einfach nicht umgehen!

Zu lernen ist aus diesem Fall für jedermann Misstrauen gegenüber gewissen Parolen: Der angeblich so bürgerfreundliche Stadtverwaltungs-Service ist doch nur ein dünner Firnis. Jutta Ochs

Bestie Bürokratie: Ein Kämpfer weicht dem Amt