MIETER HELFEN MIETERN
Frankfurt e.V.

Frankfurter Rundschau vom 18.06.2012, Alica Lindhoff

FRANKFURT

Mieter sollen fast 40 Prozent mehr zahlen
Gentrifizierung im Westend Frankfurt

Früher Dachgeschosswohnung, heute Penthouse. Viele Mieter sind beunruhigt.  
Foto: Andreas Arnold

Im April dieses Jahres bekam Helga Keller* von ihrer Vermieterin ein Schreiben geschickt, in dem auf vier Seiten ein ganzer Katalog an „Modernisierungsarbeiten“ in ihrem Mietshaus angekündigt wird. Zum Schluss teilt das Schreiben in lapidaren Worten mit, dass Keller mit einer Mieterhöhung von rund 317 Euro rechnen müsse – eine Summe, die fast 40 Prozent höher ist als ihre bisherige Monatsmiete und die sie sich von ihrer Rente nicht leisten kann.

Ähnliche Schreiben haben wohl alle Mieter der Häuserreihe Unterlindau 20 bis 32 bekommen, in der Keller wohnt – und damit mehr als 100 Menschen.

Viele müssen das Westend verlassen
Die Gebäude sind Nachkriegsbauten aus dem Jahr 1954 – mit leicht bröckelnder Fassade, aber dank bunt bepflanzter Balkone nicht ohne Charme. Ein Großteil der Bewohner müsste wohl die Wohnungen und vielleicht auch das Westend verlassen, wenn die Miete derart ansteige.

Das wollten viele nicht akzeptieren. Sie wendeten sich an die Westend-Aktionsgemeinschaften und an Mieterschutzvereine. Mitte Juni informierten sich etwa 40 Betroffene bei einer Versammlung mit Jürgen Lutz vom Verein „Mieter helfen Mietern“ über ihre Rechte. Die Einschätzung des erfahrenen Mieterberaters kam für viele überraschend.

Lutz hielt die Forderungen der Vermieterin für maßlos überzogen. Zwar könne man Modernisierungen auf die Mieter umlegen, aber viele der angekündigten Arbeiten gehörten gar nicht in diese Kategorie. So etwa das Vorhaben der Vermieterin, den Mietern die Gasleitungen zu kappen und stattdessen „moderne Geräte“ einzubauen: „Das ist keine Wohnwertverbesserung – das müssen Sie nicht mal dulden.“

Die Wärmedämmung der Außenfassade wiederum sei zwar grundsätzlich auf die Mieter umlegbar, aber da die Fassade seit über 40 Jahren nicht saniert worden sei, gelte ein Großteil der Arbeiten als Instandhaltung, die der Vermieter zu zahlen habe.
So geht es weiter, bis Lutz Bilanz zieht. Seiner Einschätzung nach dürften die Erhöhungen nur etwa ein Drittel so hoch wie angedroht ausfallen. Lutz vermutet, dass man die Mieter mit dem Schreiben habe einschüchtern wollen“. Das Ziel sei wohl, die Wohnungen langfristig für eine wohlhabendere Klientel freizumachen.

Oben sollen "Penthouse-Residenzen" entstehen
Für diese These spricht, dass die Vermieterin Katrin Haenisch auf einer Hochglanz-Website die Wohnungen in ihren Häusern in der Unterlindau, aber auch in der Oberlindau und der Staufenstraße anpreist. Man erfährt, dass noch weitgreifendere Veränderungen geplant sind. So wird der Innenhof zwischen den Häuserreihen, zu einem „mediterranen Patio“ umgestaltet und auf den Dächern sollen über 20 Penthouse-„Residenzen“ entstehen.

Für die älteren Mieter der Häuser ist es nicht die erste Zeit des Bangens: Schon als Ende der 90er-Jahre die Allianz als damalige Eigentümerin die Häuser an das Immobilienunternehmen Gantzckow verkaufte, schürte das Ängste. Damals versicherten die neuen Eigentümer, keinesfalls Mieter vertreiben zu wollen. Mittlerweile lässt sich Katrin Haenisch, eine Tochter der Familie Gantzckow, von einer Immobilienverwaltung vertreten. Weder telefonisch noch per Email war eine Stellungnahme zu bekommen.

Empört über die Angelegenheit ist Lelle Boendgen-Franz, Vorsitzende der AG Westend: „Das Vorhaben widerspricht in jeder Hinsicht der Erhaltungssatzung Westend I“, kritisiert sie. Die Satzung soll die gemischte Bevölkerungsstruktur des Viertels schützen.

Ob die Satzung in diesem Fall die Mieter schützen könnte, ist fraglich. Zwar ist ein Antrag für die Arbeiten bislang nicht bei der Bauaufsicht eingegangen. Auf eine Anfrage der Linkenfraktion im Römer bezüglich der Unterlindau 20 bis 32, antwortete Planungsdezernent Olaf Cunitz (Grüne) jedoch sehr zögerlich.

Man dürfe an das Instrument des Milieuschutzes „keine unrealistischen Erwartungen“ richten. Man habe den Bauherren in „allgemeinen Beratungsgesprächen“ jedoch auf die Erhaltungssatzung hingewiesen.

Franz findet diese Reaktion der Stadt enttäuschend. Sie glaubt, dass der Fall exemplarisch ist für eine neue Verdrängungswelle, die auch vor weniger schicken 50er-Jahre-Bauten nicht haltmacht – eine Einschätzung, die Jürgen Lutz teilt. Die Politik müsse neue Instrumente schaffen, um diese Vertreibungswelle aufzuhalten.

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