MIETER HELFEN MIETERN
Frankfurt e.V.

Frankfurter Rundschau vom 16.12.2009, Jan Szyszka

Frankfurt
Misstrauen in den Wohntürmen
Niederrad - Die Bewohner des Mainfelds erwarten nichts Gutes aus dem Römer

In den Abendstunden wirkt es geradezu idyllisch. Wenn das trübe Grau der Niederräder Hochhaussiedlung im Mainfeld im Dunkel der Nacht versinkt und hinter jedem zweiten Fenster Lichter blinken. Die Weihnachtsdekoration lässt dasMainfeld friedlich und ruhig wirken. Aber Ute und Gerhard Kampschulte können diesen Anblick zur Zeit nicht genießen.

Das Ehepaar sorgt sich um die Zukunft der Hochhaussiedlung, seit im April Frank Junker, Chef des städtischen Wohnungskonzerns ABG Holding, seine Visionen von einem Rückbau über die Medien verbreitete, bieten Kampschultes ihm die Stirn. Per eigens gegründeter Mieterinitiative wettern sie gegen Junkers Pläne. Vor allem sie. Von 2500 Menschen, die in den zehn Häusern wohnen, engagieren sich gerade einmal sieben Anwohner für die Initiative - und dasobwohl der Anteil der Abrissgegner im Quartier bei über 90 Prozent liegen soll.

Die Gründe sind vielschichtig: Zum einen sollen die Aktivisten im Mainfeld nicht unumstritten sein. Ute Kampschulte hat aber für die niedrige Mitstreiterzahl andere Erklärungen. Ein wenig habe es mit Schockstarre angesichts der von Junker vorgetragenen Pläne zu tun, meint sie, entscheidender sei aber der soziale Hintergrund. "Es gibt hier viele armeMenschen, die sich nicht mehr in einer solchen Form engagieren wollen."

Zu spüren war die derzeit vorherrschende Starre auf einer Diskussion der Partei Die Linke am Montagabend. Nur rund 50 Anwohner kamen ins Niederräder Bürgerhaus - obwohl das gleich neben der Siedlung steht.

Desinteresse und steigende Frustration kommen zur Unzeit. Eine offizielle Entscheidung über das Schicksal der Wohntürme soll zwar frühestens im Mai 2010 fallen, doch viele Abrissgegner glauben, dass bereits jetzt entschieden wird. Die Unsicherheit ist immens: Junkers Bekenntnis etwa, dass der Prozess "ergebnisoffen" sei, also statt Rückbau oder Abriss auch Sanierung möglich sei, wird offen angezweifelt.

Glauben an den Masterplan

"Ich glaube Herrn Junker nicht", formulieren Anwohner und auch Stadtverordnete wie Silke Seitz (Linke). Eine schwarz-grüne Mehrheit im Römer mit "verfilzten wirtschaftlichen Interessen", werde die Pläne "irgendwie" durchbringen, sagte ein Anwohner. Ute Kampschulte glaubt, dass ABG und Stadt eine Art Masterplan entworfen hätten. Sie verweist auf die Studie Frankfurt 2030 des Architekten Albert Speer. "Deren Slogan heißt ,Frankfurt für alle´ - gemeint ist aber, Frankfurt für alle Reichen´", sagt Kampschulte. Damit spielt sie auf eine Wohnwertsteigerung an, die durch die erwogene Öffnung zum Main samt Rückbau der Geschosse und daraus resultierender sozialer Entmischung resultieren könnte.

In dieser Konsequenz mahnen Anwohner - aber auch Experten wie Jürgen Lutz vom Verein Mieter helfen Mietern - zu erhöhter Wachsamkeit. "Achtet darauf, wenn eine Wohnung länger leer steht. Es wird vielleicht versucht, die Gebäude zu entmieten", sagt Gerhard Kampschulte.

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