MIETER HELFEN MIETERN
Frankfurt e.V.

Frankfurter Rundschau, 19.10.2007, Jutta Ochs

Immobiliengeschäfte in Frankfurt
Schrecken im Spekulationshaus


Gertrud G. will um ihre Wohnung in der Hansaallee 34 kämpfen. (FR/Boeckheler).

"Es gab Herren im Haus, die haben geweint vor Verzweiflung", sagt Mieterin Gertrud G. Sie hat nicht geweint, sie will kämpfen, mit all ihren verbleibenden Kräften - und dem Rechtsschutz. Gertrud G. ist 87 Jahre alt, von diesen hat sie 56 Jahre im Wohnblock in der Hansaallee 34 verbracht. "Und ich bleibe auch dort." Die 87-Jährige ist zu allem entschlossen, auch, wenn es hart kommt. "Wo soll ich denn sonst hin? In meinem Alter nimmt mich doch kein Vermieter mehr."

Der Schrecken begann für die Mieter in der Hansaallee 34 in der ersten Septemberwoche. Seitdem vergeht keine Woche ohne Anwaltsschreiben des - angeblich - neuen Eigentümers. In diesen ist abwechselnd mal von "Abriss", mal von "Kernsanierung" und "Modernisierung" mit rund 40 Prozent Mieterhöhung die Rede .

In allen Fällen aber von Kündigung, "freiwillig" ausziehen wird dringend angeraten. Das alles in einem bedrohlichen Ton: "Sie haben bislang nicht. . .", "wenn Sie nicht. . .", "die Zeit der individuellen Einzelgespräche" mit "auf die besondere Situation zugeschnittenen Abfindungszahlungen" neige sich dem Ende zu. Und dann, das schwingt mit, werde nicht mehr so "gütlich" verhandelt.

Der Wohnblock ist hässlich, ein optischer Affront zwischen attraktiven Neubauten oder sanierten Häusern. Seit Jahren gilt er als Spekulationsobjekt. Einige der 70 Wohnungen stehen leer, als das Zweckentfremdungsverbot noch galt, hatte das Wohnungsamt ein Verfahren gegen den Eigentümer Preisler GmbH angestrengt. Die Wohnrauminitiative hatte dort kurzfristig Obdachlose übergangsweise untergebracht.

Für die Menschen, die dort leben, ist die "Hansa 34" aber das Heim, "günstig, schöne Aussicht, zentrale Lage", sagt ein Mieter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Wohnungen in dem 50er-Jahre-Block sind klein, haben meist 30 bis 50 Quadratmeter. Die meisten Mieter sind alleinstehend, in mittleren Jahren und älter. 50 Quadratmeter gibt es für 480 Euro. "So etwas finde ich nie mehr." Seit der Versammlung am Mittwochabend steht nun fest, dass das Haus abgerissen wird.

Den Mieter sind Abfindungszahlungen angeboten worden. Wenn sie sich bis heute zum Auszug entschließen und einen Mietaufhebungsvertrag unterzeichnen, gibt es 15 000 Euro, bis zum 1. November noch 10 000 Euro. Von den 30 anwesenden Mietern hat bislang keiner unterschrieben. Denn in den Verträgen habe auch gestanden, dass nur dann gezahlt würde, wenn alle auszögen. Gertrud G. hat sich auf nichts eingelassen. "Die denken wohl, sie haben es mit geistig minderbemittelten Menschen zu tun. . ."

Über die Jahre hinweg hat sie es sich in ihrer 32-Quadratmeter-Wohnung schön gemacht, hat nach ihren Angaben 25 000 Euro in die Wohnung investiert, weil sie ja dachte, "ich bleibe da, bis ich sterbe". Besuch hatte sie auch schon gehabt, von einer freundlichen Dame, die die mutmaßliche neuen Eigentümerin, Hansaallee Immobilien GmbH, vertrat. "Sie wollte mich mal kennen lernen."

Die Mieter haben, auch mit Hilfe des Vereins "Mieter helfen Mietern", einige Ermittlungen geführt. Haben festgestellt, dass der neue Eigentümer nicht im Grundbuch steht, es nicht einmal einen Antrag auf Eintrag gibt. Das bedeutet zumindest Zeitgewinn.

Anwalt der Eigentümerseite ist Jürgen Herrlein. Vertreter in der Kanzlei ist Gert Reeh. Der hat auch schon die Mieterseite bei Entmietungen vertreten. Reeh sagt, die Kanzlei sei eingeschaltet, um zügig "gütliche Einigungen" zu erzielen. Eine Abrissgenehmigung läge bereits vor oder werde demnächst erteilt. Und wenn es sich nicht im Guten kläre, dann kommen die Kündigungen. Und zwar mit der rechtlich einwandfreien Begründung: "Mangelnde wirtschaftliche Verwertbarkeit." Jutta Ochs

Kommentar
Persönliches Drama
Von Jutta Ochs

So läuft das eben derzeit in Frankfurt, die Hansaallee 34 ist ja nur ein weiteres Beispiel von vielen. Ein älterer, sanierungsbedürftiger Mietwohnungsblock mit günstigen Preisen in guter Lage wird verkauft. Der neue Eigentümer will Abriss und Neubau - am liebsten Eigentumswohnungen. Das bringt die beste Rendite. Dafür haben in dieser Stadt die meisten tiefstes Verständnis. Die Politik hat Eigentumswohnungsinhaber besonders gerne.

Für die Mieter aber beginnt mit der ersten Nachricht ein persönliches Drama. Insbesondere dann, wenn es sich eben nicht um jüngere, mobile Menschen handelt, sondern um ältere ohne private Reichtümer, aber mit ganz festen Wurzeln. Der Kampf ist fast immer vergeblich. Die Lobby für diese Menschen ist ziemlich klein.

Der Abriss der Blocks wird kommen - auf kurz oder lang. Dann ist wieder ein Kontingent von günstigem Wohnungen verloren gegangen. Langsam aber sicher bewegt sich der Wohnungsmarkt durch diesen Trend in eine gefährliche Schieflage. Im Fall der Hansaallee ist besonders bedenklich, dass die Stadt jahrelang dem spekulativen Vergammelnlassen durch Leerstand in Teilen nahezu tatenlos zusah. Sie hat das Schicksal der Mieter mitzuverantworten.
Jutta Ochs